Ein Humpen gegen Tilly: Rothenburg spielt seine Geschichte

Verfasst von: Stefan Siedler
Rathaus Rothenburg o.d.Tauber
Rathaus Rothenburg o.d.Tauber  Bild: Natalia Siedler
Rothenburg o.d.Tauber (D) [SiSt24 Media] Ritter, Landsknechte und Bürgerfrauen beherrschten vom 4. bis 6. September die Gassen Rothenburgs. Mehr als 1.000 Mitwirkende verwandelten die Altstadt während der Reichsstadt-Festtage in eine Bühne der Geschichte. Im Mittelpunkt stand jene Legende, nach der dreieinviertel Liter Wein die Stadt vor der Zerstörung bewahrt haben sollen.

1274 verlieh König Rudolf von Habsburg Rothenburg das Reichsstadtprivileg. Handel, Wohlstand und politischer Einfluss prägten anschließend den Aufstieg der Stadt im Heiligen Römischen Reich. Die Reichsstadt-Festtage erinnern an diese Epoche, schlagen jedoch einen Bogen über mehr als 700 Jahre Stadtgeschichte. Besondere Aufmerksamkeit erhält der Dreißigjährige Krieg. Im Jahr 1631 nahmen die Truppen des katholischen Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly die protestantische Reichsstadt ein. Altbürgermeister Georg Nusch soll die drohende Zerstörung verhindert haben, indem er einen Humpen mit dreieinviertel Litern Wein in einem Zug leerte. Historisch belegt ist diese spektakuläre Trinkprobe allerdings nicht.

(Bild: Natalia Siedler)

Den Auftakt bildete am Freitagabend der Fackelzug von der Doppelbrücke hinauf in die Altstadt. Historische Gruppen zogen durch die Tore und Gassen zum Marktplatz, wo Oberbürgermeister Christoph Rösch die Teilnehmer und Gäste begrüßte. Eine Feuer- und Lichtinszenierung am Rathaus setzte anschließend einen weithin sichtbaren Schlusspunkt des ersten Abends. Am Samstag und Sonntag übernahmen Ritter, Bauern, Stadtbürger, Marketenderinnen und Landsknechte die Straßen. Die Feldmusterung auf dem Marktplatz vereinte die historischen Gruppen zu einem großen Aufzug. Dazu erklangen die Instrumente der Rothenburger Stadtpfeifferey, während die Gaukler von „Mummenschanz“ mit Akrobatik und Straßentheater für Unterhaltung sorgten. Die weitgehend erhaltene Stadtmauer, die Tore und die engen Gassen lieferten eine Kulisse, die andernorts erst aufwendig errichtet werden müsste.

(Bild: Natalia Siedler)

Vor dem Rödertor zeigten mehrere Gruppen das mittelalterliche Leben in historischen Lagern. Zelte, Rüstungen, Schmiedeöfen, Kochstellen und Handwerksvorführungen zeichneten Bilder verschiedener Epochen vom Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg. Besucher konnten alte Techniken kennenlernen und selbst eine Münze prägen. Nur während der Festtage zugänglich war zudem der rund 500 Jahre alte unterirdische Turmgang im Wallgraben vor dem Galgentor. Auf dem Marktplatz trafen die verschiedenen Jahrhunderte aufeinander: Ritter standen neben Pikenieren, Spielleute begegneten Bürgerfrauen und bäuerliche Gruppen erinnerten an die sozialen Gegensätze vergangener Zeiten. Die Veranstaltung beschränkte sich damit nicht auf eine einzelne historische Begebenheit. Sie verband Stadtgeschichte, örtliche Überlieferungen und jahrzehntelang gepflegtes Brauchtum zu einem Rundgang durch mehr als sieben Jahrhunderte.

(Bild: Natalia Siedler)

Auch das Historische Festspiel „Der Meistertrunk“ gehörte zum Programm. Neben den traditionellen Pfingstfestspielen wurde das Bühnenstück während der Reichsstadt-Festtage am Samstag zweimal im Kaisersaal aufgeführt. Das Werk des Rothenburger Glasermeisters und Dichters Adam Hörber erzählt von den bangen Stunden nach der Einnahme der Stadt und der angeblichen Rettung durch Georg Nusch. Seit seiner Uraufführung im Jahr 1881 gehört es zu den bekanntesten Rothenburger Traditionen. Der Überlieferung zufolge leerte Nusch vor General Tilly einen Humpen mit dreieinviertel Litern Wein in einem Zug. Der Feldherr soll von dieser Leistung derart beeindruckt gewesen sein, dass er die Stadt verschonte. Belegt ist die Einnahme Rothenburgs durch Tillys Truppen. Für den Meistertrunk selbst fehlen dagegen zeitgenössische Nachweise.

(Bild: Natalia Siedler)

Am Samstagabend verlagerte sich das Geschehen ins Taubertal. Bei „Rothenburg in Flammen“ erinnerten Feuerwerk, Lichteffekte und bengalische Beleuchtung an die Belagerung der Stadt während des Dreißigjährigen Kriegs. Von der Doppelbrücke aus öffnete sich der Blick auf die angestrahlte Stadtsilhouette über dem Tal. Die Beleuchtung symbolisierte dabei eine brennende Stadt und griff damit eines der dunkelsten Kapitel der Rothenburger Geschichte auf. Mehr als 1.000 Mitwirkende aus Rothenburg und der Region gestalteten das Wochenende. Viele von ihnen gehören historischen Vereinen an, die jeweils eine bestimmte Epoche oder einen früheren Berufsstand darstellen. Diese Vielfalt unterscheidet die Reichsstadt-Festtage von einem reinen Mittelaltermarkt: Nicht Verkaufsstände bestimmen das Geschehen, sondern die Bürger, die ihre Stadtgeschichte in den Straßen und auf den Plätzen selbst aufführen.

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