Villa Stuck: Ein Künstler schuf sich seine eigene Welt
An der Prinzregentenstraße in München steht ein Haus, das sich nicht mit der Rolle einer gewöhnlichen Künstlerwohnung begnügt. Franz von Stuck ließ seine Villa 1897/98 errichten und gestaltete wesentliche Teile der Ausstattung selbst. Der Maler, Bildhauer und Professor an der Münchner Kunstakademie gehörte zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit. Seine Villa vereint Wohnräume, Atelier und repräsentative Architektur. Besonders in den historischen Zimmern wird deutlich, wie konsequent Stuck seine Vorstellungen umsetzte. Decken, Wände, Türen und Möbel folgen einer gemeinsamen Gestaltung. Der Rundgang führt damit nicht nur zu einzelnen Kunstwerken, sondern mitten hinein in die Wohn- und Arbeitswelt des einstigen Künstlerfürsten.
Wer die historischen Räume der Villa Stuck betritt, findet keine zurückhaltende Wohnungseinrichtung. Dunkle Wandverkleidungen, reich gegliederte Decken und dekorative Einzelheiten bestimmen den Eindruck. Besonders eindrucksvoll ist der ehemalige Empfangsbereich mit seinen ornamentierten Flächen und der sorgfältig abgestimmten Möblierung. Die Räume wirken stellenweise wie Bühnenbilder, allerdings ohne dass die Ausstattung nur Kulisse wäre. Hier wurde tatsächlich gewohnt, gearbeitet und Besuch empfangen. Stuck nutzte historische Formen und mythologische Motive, kombinierte sie jedoch nach seinen eigenen Vorstellungen. Die Ausstattung vermittelt deshalb weniger den Eindruck eines einheitlichen Baustils als den einer bewusst geschaffenen Künstlerwelt. Selbst eigentlich unscheinbare Bauteile verdienen Aufmerksamkeit. Ein Türrahmen oder ein Deckenfeld kann ebenso aufwendig gestaltet sein wie ein Gemälde an der Wand.
Die Bilder gehören in der Villa Stuck nicht einfach zur Dekoration. Sie stehen in einem engen Verhältnis zur Architektur, zu den Wandfarben und zu den Gegenständen, die sie umgeben. Besonders auffällig sind die Bildfelder, plastischen Verzierungen und Figurendarstellungen, die in die Raumgestaltung eingebunden wurden. Stuck beschäftigte sich immer wieder mit Themen aus der antiken Mythologie und mit symbolisch aufgeladenen menschlichen Figuren. Seine Kunst war Teil jener Entwicklung, die München gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Zentrum der europäischen Kunst machte. 1892 gehörte er zu den Mitbegründern der Münchner Secession. In seinem Haus begegnet man diesem Selbstverständnis unmittelbar: Der Künstler präsentiert nicht nur Werke, sondern entwirft auch den Rahmen, in dem sie betrachtet werden.
Nicht nur die Wände, auch die Decken verdienen einen längeren Blick. In mehreren Räumen finden sich aufwendige Kassettierungen und ornamentale Felder. Sie zeigen, dass Stuck seine Innenräume bis in die oberen Raumabschlüsse hinein plante. Besonders reizvoll ist der Wechsel zwischen geometrisch gegliederten Flächen und figürlichen Darstellungen. Manche Details fallen beim ersten Rundgang kaum auf, weil die Fülle der Ausstattung den Blick zunächst auf die größeren Objekte lenkt. Erst beim genaueren Hinsehen erschließen sich die einzelnen Elemente. Die Räume sind zudem unterschiedlich gestaltet. Dunkle Holzpartien stehen neben farbigen Wandflächen und vergoldeten Akzenten. Dadurch verändert sich die Wirkung bereits beim Übergang von einem Zimmer in das nächste. Gerade diese Vielfalt macht den historischen Teil der Villa sehenswert.
Ein ungewöhnliches Motiv begegnet Besuchern in der Villa gleich mehrfach: die Kapitolinische Wölfin. Eine Darstellung steht in einem Ausstellungsraum, eine weitere gehört zur Gartengestaltung. Auffällig ist, dass die beiden bekannten Säuglinge Romulus und Remus fehlen. Das Motiv verweist auf die berühmte Bronzewölfin in Rom. Bei deren heute sichtbarer Fassung sind die Zwillinge eine spätere Ergänzung, die gewöhnlich in die Renaissance datiert wird. Die Wölfin selbst besitzt eine komplizierte Forschungsgeschichte. Lange galt sie als etruskisches Werk, während andere Untersuchungen für eine mittelalterliche Entstehung sprechen. In der Villa Stuck lässt sich das Tier unabhängig von der bekannten Gründungssage betrachten. Gerade ohne die Kinder tritt seine plastische Gestaltung deutlicher hervor. Die beiden Darstellungen verdienen deshalb einen eigenen Blick.
Wer nach den prachtvollen historischen Zimmern weitere Räume in derselben Gestaltung erwartet, wird überrascht. Der erhaltene historische Bereich ist überschaubar. Das Museum nutzt zusätzliche Flächen für wechselnde Ausstellungen und zeitgenössische Kunst. Dadurch entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen Stucks aufwendig inszenierter Wohnwelt und den moderneren Präsentationsräumen. Auch die Außenanlagen gehören zum Besuch. Gartenarchitektur, Skulpturen und die Fassaden der Villa ergänzen den Eindruck eines Hauses, das als zusammenhängendes Kunstwerk gedacht war. Bei einem Rundgang am Abend erhält die Architektur durch die Beleuchtung eine andere Wirkung als bei Tageslicht. Die Villa Stuck bietet damit zwei unterschiedliche Erfahrungen: einen Einblick in die Münchner Kunstgeschichte um 1900 und einen Ausstellungsort, der bis heute für neue künstlerische Positionen genutzt wird.
Torsten